Kalte Füsse vor dem Event
Dass die meisten Messen, Ausstellungen und Vernissagen im Winter stattfinden, macht grundsätzlich Sinn. Im Sommer sind die Leute ja eher mit Glace essen, Sonnenbaden und dem Präsentieren der neusten Sonnenbrillenmodelle beschäftigt. Die eisige Kälte, von der ich beim Aussteigen am Zürcher Hauptbahnhof empfangen wurde, erinnert mich jedoch wiederum daran, dass ich grundsätzlich Sommertemperaturen bevorzuge, wenn ich meine Reise an einen Event antrete.
Lucy in the sky
Der Weg zum Kongresshaus führte mich unweigerlich an der Bahnhofstrasse und somit an seiner neuen Weihnachtsbeleuchtung „Lucy“ vorbei. Natürlich ist sie nicht wirklich neu. Jedoch wird es wahrscheinlich noch zehn Jahre dauern, bis ich diese Beleuchtung als „nicht mehr neu“ einstufe. Wir Schweizer sind schliesslich Gewohnheitstiere. Die Kritik, welche „Lucy“, trotz ihrer Vorgängerin, der Neonröhren-Schocker-Beleuchtung, einkassieren musste, scheint ihre Leuchtkraft nicht beeinträchtigt zu haben. Sie zog mich, wie letztes Jahr schon, in ihren Bann. Es kam mir vor, als würde ein geheimnisvoller Glitzerteppich, sich den Weg zwischen Häusern und Bäumen hindurch bahnen um am Ende im tiefblauen Nachthimmel wieder zu verwinden. Das ältere Ehepaar neben mir, welche sich gerade über die Beleuchtung unterhielt, bestätigte unwissend meine Gedanken. Die Kälte, welche sich unter meine Kleider schlich, liess mich nicht lange in meiner Märchenwelt schwelgen und ich war froh als nach gefühlten 6 Stunden, es waren 6 Minuten, endlich das 11er Tram in Richtung Bürkliplatz eintraf.
Designer versuchen sich im Spagat zwischen Traditionellem und Futuristischem
Im Kongresshaus war es mangels Garderobe und mehr als zwei Armen, eher heiss. Doch munterte ich mich selbst wieder auf, durch das Abschleppen mehrerer Fachzeitschriften, welche den Besuchern gratis zur Verfügung standen. Meine Runde durchs Parterre begann am Ausstellungsplatz der Interiorgestalter, welche im Rahmen von „blickfang selected“ am Freitag, den 25. November vorgestellt worden waren. „Blickfang selected“ bot dem jungen, talentierten, internationalen Design-Nachwuchs die Möglichkeit sich einem breiten Publikum zu präsentieren.
Moderne Vasen vom Koreaner Jaeuk Jung
Daneben tat sich eine leuchtende Lampenwelt auf, welche durchmischt mit Wohnaccessoires ausgestellt war. Wobei die heutigen Lampen auch eher Accessoire als Lichtquelle sind und somit, wie die meisten heutigen Wohnungsgegenstände, eine Schnittstelle zwischen Funktion und Dekoration bilden. Der neuste Hype, welcher sich danach im zweiten Stock bestätigte, sind scheinbar Betonelemente in Kombination mit Milchglas-Lampen oder LED-Spots. Als letztes landete ich bei den Möbelstücken. Ob bei Beistelltischen, Wandregalem, Liegen oder Stühlen, Holz in Naturfarbe und Glas dominierten.
Ebenfalls im Parterre befand sich der Barbereich, welcher im modernen Alphütten-Stil gehalten war. Von der Decke baumelten Hirschgeweihlampen. Darunter tummelten sich rustikale Tische neben Holzstamm-Hockern mit Fell- oder Stoffüberzug. Die einzige Wand des offenen Barbereichs war ebenfalls mit Hirsch-, Gams- und Steinbockköpfen, sowie mit Geweihen der selbigen Tiere übersät. Obwohl sich das Ganze durch das viele Licht über den Tischen und den angeregten Unterhaltungen der Menschen darunter, als eine ziemlich lebhafte Szene präsentierte, war mir diese Grösse an Tierfriedhof etwas zu viel des Guten.
Hasen und Vögel mit süssen Blähbäuchen und dicken Hintern
Im ersten Stock reihten sich weitere Wohnaccessoires an Geschirr und Kleideraccessoires. Ich musste nicht lange suchen, um meine geliebten „buttoneyes“ am Stand von Hersteller Marco Scheidegger anzutreffen. Dabei handelt es sich um Fabelwesen aus Stoff, welche einen mit ihren grossen Knopfaugen das Herz erwärmen. Weiter ging’s zu SibylleSaara, einem Schweizer Label. Zur Schau gestellt wurden wunderschöne handgefertigte Porzellangefässe mit Tierabbildungen. Während ich die Tassen und Eierbecher aus der Nähe bertachtete, erklärte eine der Designerinnen einer Besucherin gerade, dass sie diejenige im Team sei, welche die Tiere von Hand auf die Gefässe male, während ihre Kollegin für die Herstellung der Gefässe verantwortlich sei.
Geschirr von Sibyllesaara
Länger stehen blieb ich auch beim Stand von Estelle Gassmann, welche von ihr gefertigte Gläser, Teller und Schüsseln aus Glas, Porzellan, Plastik und Zucker-Tragant zeigte. Auch hier war die Schere zwischen Funktion und Kunstobjekt wider weit geöffnet. Die einzelnen Stücke harmonierten sehr gut miteinander, vielleicht gerade weil es sich bei jedem um ein Einzelstück handelte. An jungendlichem Plastikmodeschmuck, bunten Teppichen, allen möglichen Arten von Handtaschen, lässigen Sonnenbrillen, wunderschönen Strickhandschuhen vorbei, kam ich schliesslich noch bei Charlotte Wooning vorbei. Sie stellt wunderschöne Mettalkettchen her, welche mit verschiedenfarbigen Perlen, verschieden grossen Kettengliedern und Kettenformen, zum wahren Hingucker werden. Bei ihr hatte ich letztes Jahr zusammen mit meiner Mutter, die übrige Kundschaft verwirrt, weil wir uns lautstark auf Niederländisch mit ihr unterhielten. Nach dem netten Gespräch, letztes Jahr, war ich stolze Besitzerin eines ihrer Schmuckstücke. Ich liess mir zudem noch ein zweites, direkt aus den Niederlanden herschicken, da sie ein Kettchen, welches ich begehrte, nicht in der von mir gewünschten Länge dabei hatte.


In Begleitung einer Vogelschar ging‘s im Hagelschauer dem Bach entlang
Als ich endlich beim Ausstellungsbereich angelangt war, der mir persönlich am meisten Herzhüpfen verursacht, brauchte ich zuerst mal eine kurze Verschnaufpause. Dank sei zwei vollgestopften Taschen, Notizbuch und griffbereitem Stift, hatte ich schon nach vierzig Minuten Krämpfe in beiden Armen. Ein rosaroter Pfeil auf dem Boden wies mir den Weg zur „Fashion Lounge“. Ich setze mich auf eine der Stufen des kurzen Treppenabsatzes, welcher zur Fläche führte auf der sich die Lounge befand. Sie präsentierte sich eher langweilig. Ein riesiger hellgrauer Teppich grenzte den Loungebereich ein. Auf ihm standen asymmetrische Polsterelemente neben tiefen Tischchen auf Steckenbeinchen. Die Loungeeinrichtung wirkte unter der hohen Decke eher verloren, als einladend. Die Gespräche in der Lounge glichen auch mehr einem leisen Getuschel. Da war mir die Atmosphäre der Alphütte im Parterre doch noch lieber.
Nach der kurzen Pause setzte ich meinen Rundgang fort. Von klassischen Basics, über alternativ wirkende Filzkleider, diversen Stoff- und Ledertaschen, eleganten Vintagekleidern zu flauschigen Stricksachen war wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Nachdem ich an vielen mir bekannten Labels, wie Ida Gut, Kleinbasel, Little Black Dress, Amok und Tarzan vorbeikam, hielt ich nach mir Unbekanntem Ausschau.
Als erstes entdeckte ich das Label Hageli von Claudia Hägeli. Zu sehen gab‘s lässig bis elegant bedruckte Foulard, welche teilweise durch Zusammennähen zu einer Art losen Matrosenkragen oder Jabot wurden. Bei Yoshiki von Tülay Kula überzeugten mich ebenfalls abwechslungsreiche Prints bei Oberteilen und Foulards. Die gemusterten Foulards waren frühlingshaft mit Schmetterlingen versehen, die Unifarbenen dagegen mit schönem Spitzeneinfass versehen.
Yoshiki Fashion
Herausgestochen ist auch der Stand des Labels Fink und Star von Lea Schiesser und Nina Lehmann. Die feinen Overalls in Blau oder mit buntem Blumenmuster, welche am Ständer hingen und welche die Designerinnen auch selbst trugen, zogen als erstes meinen Blick auf sich. Nach einem kurzen Gespräch mit einer der Zweien wurde ich persönlich durch die sportlich verspielt und zugleich sehr romantische Kollektion geführt. Mein Liebling war ein weites, weisses Fledermausshirt mit lässigem schwarzen Print und Tunnelzug auf halber Höhe. Die Kleidungsstücke waren reich an schönen Detailarbeiten, wie zum Beispiel mehren Knöpfen am Halsausschnitt zur Veränderung dessen.
Romantisches von Fink und Star
Zum Schluss schaute ich mich noch in der „Bolero’s Choice #1“- Ecke um, in welcher das Modemagazin „Bolero“ eine Hand voll Designer präsentierte. Gefallen haben mir die Sachen von Only E.T Will Judge Me. Es handelte sich dabei um handgefertigte Haarreifen mit markanten Rosen in unterschiedlichen Grössen, Farben und Materialien.
Daneben tauchte für mich Altbekanntes auf. Das Taschenlabel Griesbach von den Schwestern Griesbach. Trotz herkömmlichem Material Leder, schaffen sie es immer wieder durch überragende Verarbeitung und unkonventionellen Formen zu überraschen. Dabei bleibt völlig unbemerkt, dass die zwei in Winterthur lebenden, sowie arbeitenden Schwestern zu Beginn totale Quereinsteiger waren.
Griesbach Taschen
Manchmal bringen Newcomer eben nicht viel Neues
Oben auf der Galerie angekommen, machte ich mich zum Endspurt bereit. Hier Oben waren auch die Fach- und Hochschulen wie die „Schweizer Textil Fachschule“ oder die „Hochschule Luzern“ vertreten. Die “Hochschule Luzern“ hatte sich mit anschaulichem Material zu den Studienrichtungen Textil-, Objekte und Materialdesign am meisten ins kreative Zeug gelegt.
Auf dem Weg zum Newcomer-Abteil im hintersten Ecken der Ausstellung lief ich noch am Stand eines bekannten Gesichts in der Textilbranche, niemand geringerem als Jakob Schläpfer, vorbei. Natürlich war Herr Schläpfer nicht selbst anwesend, sondern liess durch seine Vertretung die neusten Accessoires, Schals und Colliers aus seinem Laden „Bambola“ präsentieren.
Lapen von Charaktersachen
Bei den Jungdesignern, Neudesignern oder zu Englisch einfachheitshalber Newcomern angekommen, entdeckte ich nicht viel Neues. Einzige wirklich innovative Idee stammte vom Label Charaktersachen von Moritz Profitlich. Er zeigte unter anderem, äusserst originelle Lampen in Form von Glühbirnen in Weckgläsern. Leider hatte der, aus Konstanz angereiste Deutsche, einen etwas unglücklichen Ausstellungsplatz in der hintersten Ecke bekommen.
Mein Fazit der diesjährigen Messe lasse ich aus, zitiere jedoch zum Schluss Paulchen, der rosarote Panter: „Heute ist nicht alle Tage, ich komme wieder keine Frage!“.